„Exponiert und unsicher“

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Unlängst hatte ich eine Konversation mit einer berufstätigen Dame, Lady Anonymous (mein Assistent hatte mich darüber aufgeklärt, dass dieser Tage auch Damen berufstätig sind und sich keineswegs allein ums Haus kümmern, während ihre Männer ihrem Tagewerk nachgehen – eine Tatsache, die mir neu war, wie ich gestehe). Lady Anonymous jedenfalls hatte lange Zeit als „Angestellte“ gearbeitet (ebenfalls etwas, was mir mein Assistent erklären musste: eine besondere Form moderner, wenn auch gemäßigter, Fronarbeit, die lange nach meiner Zeit weite Verbreitung fand). Und aus diesem Angestelltenverhältnis hatte sie sich befreit und geht seither selbständig ihrem Beruf nach. Sie sucht sich also ihrer Kundschaft und bietet ihnen ihre Handreichungen [Dienstleistungen, d. Ass.] an, für die sie sich direkt bezahlen lässt, ohne einen sogenannten Dienstherren [Arbeitgeber, d. Ass.] dazwischen, der einen Großteil der Einnahmen einsteckt.

Ich möchte hinzufügen, dass ich letzteres ohnehin als den natürlicheren der beiden Arbeitsmodelle ansehe, vor allem bei uns in den Kolonien. Wie sonst soll man denn seiner ehrlichen Arbeit nachgehen als als freier Mann – pardon, Frau – die selbstbestimmt sagt, was sie arbeitet, für wen und gegen welches Entgelt? Freie, unabhängige Menschen brauchen keinen „Halter“ oder Lehnsherren, der sie kurz hält und ihnen sagt, was sie für wen zu tun und zu lassen haben.

Die Dame, so möchte ich hinzufügen, ist grundsätzlich zufrieden mit ihrer Wahl, und das bezieht sich keineswegs nur auf den finanziellen Aspekt. Sie erwähnte, dass es in ihrer Zeit ein zynisches Sprichwort gebe, nach welchem die „Selbständigkeit“ von „selbst“ und „ständig“ käme – dass man also in Wirklichkeit nicht frei sei, sondern man sich selbst um alles kümmern müsse und im Zuge dieser Verpflichtung auch ständig arbeitsbereit sein müsse, mithin also gar keine freie Zeit mehr habe, seine Freiheit zu genießen. Nun, so sei es eben nicht bei ihr, so versicherte sie mir, sondern sie verstehe sich als „Freiberuflerin“, weil sie eben frei sei, sich ihre Arbeitszeiten und ihre Clienten [Kunde, d. Ass.] und die Handreichungen, die sie für diese erbringe, auszusuchen – innerhalb gewisser Grenzen natürlich, aber doch in einem Maße, das sie zufrieden stelle.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich von diesem Gedanken sehr angetan bin, ganz im Sinne meiner Ausführungen oben. Ich selbst bin zwar ein sehr beschäftigter Mann, und ich habe wenig von dem, was diese Dame „Freizeit“ nennt (ich nutze vielmehr jede freie Minute zum Studium meiner vielen Bücher), und die Verpflichtung, die ich für mein Land (welches es hoffentlich bald sein wird) übernommen habe, nimmt zur Zeit einen großen Teil meiner verfügbaren Stunden ein – ach, wie sehne ich mich manchmal danach, mich dem Ausbau meines Privatsitzes Monticello wieder mehr widmen zu können…

Zurück zum Thema: An einer Stelle in unserer Konversation, nach der zweiten Tasse Tee, gestand mir diese Lady (die, wenn ich hinzufügen darf, nicht nur sehr intelligent, sondern auch sehr reizend ist), dass sie sich zuweilen, so auch dieser Tage, sehr exponiert und unsicher fühle.

„Aber warum denn dies?“, fragte ich sie ungläubig. Sie erläuterte, dass die Freiheit, die sie mit ihrer Selbständigkeit – falsch: ihrem Freiberuflertum – erlangt habe, eben auch einen Preis habe: den Preis des erhöhten Risikos. Zum Beispiel des Risikos, sehr schnell, von heute auf morgen, mit kaum oder sogar gar keinem Einkommen da zu stehen, weil einem der wichtigste Client plötzlich mitteilt, dass er einen nicht mehr benötige. Oder auch die Tatsache, dass man erhöhter Konkurrenz ausgesetzt sei im Bemühen um den nächsten Auftrag, und dass viele Konkurrenten bereit seien, zu schlechten Bedingungen zu arbeiten, was wiederum Standards setze und zu überzogenen Erwartungen führe, die sie nun einmal nicht erfüllen könne – und gewiss auch nicht wolle. Diesen Bedingungen sei ein Angestellter nun eben nicht ausgesetzt, so meinte sie, und diese Umständ‘ verursachten ihr bisweilen Sorgen und schlaflose Nächte.

Ich konnte in diesem Augenblick nicht anders als ihr zu widersprechen (obwohl ich ungern Damen widerspreche – erwähnte ich bereits, dass sie sehr reizend ist?): „My dear Lady Anonymous,“ begann ich im strengen Ton, der mir schwer fiel, und ich setzte meine Tasse ab und winkte meinen Assistenten zu mir, „ich muss Ihnen hier energisch widersprechen!“

Ich brauchte für die folgende Argumentation die Hilfe meines Assistenten, der sich in den Details der modernen – ihrer und Ihrer, werte Leser – Arbeitswelt besser auskennt als ich, obzwar gewisse Grundzüge sich seit meiner Zeit nicht geändert haben. Ich fuhr fort: „Seht, der grundlegende und weit verbreitete Irrtum, dem Ihr aufgesessen seid, liegt darin, dass Ihr zwei Sachen verwechselt: Sicherheit und die Illusion von Sicherheit“. Wie ich denn dies meine, so fragte sie zurück, und ihre Wangen röteten sich auf zauberhafte Art und Weise. (Ach, meine werten Leser! Ich bin ein prinzipienfester Mann, aber manchmal könnte auch ich schwach werden…)

„Noch etwas Gebäck?“

„Nein, vielen Dank. Bitte erklärt doch, Mr. Jefferson.“

Ich musste mich kurz sammeln, um gedanklich wieder zur Sache zu kommen. Währenddessen fuhr mein Assistent fort:

„Lady Anonymous, worauf Mr. Jefferson hinaus möchte, ist Folgendes: Die Exponiertheit und Unsicherheit, die Sie erwähnten, gibt es zweifelsohne. Und es ist gut, dass Sie sich ihrer bewusst sind und sich auf entsprechende Konsequenzen vorbereiten, soweit das möglich ist. Dies darf Sie aber nicht zum Schluss verleiten, dass es dies im Angestellten-Dasein nicht gebe.“

„Wie denn dies?“

„Nun, das moderne Angestellten-Dasein wird begleitet von gewissen, gesetzlich festgelegten Rechten und Pflichten, und sofern sich Ihr Arbeitgeber an die Gesetze hält (wovon wir mal ausgehen möchten), so kann er sie in der Tat nicht einfach so von heute auf morgen vor die Tür setzen – von wenigen Ausnahmefällen mal abgesehen. Sagen wir es so: Wir geben zu, dass Sie das in einem gewissen Grad schützt – kurzfristig.“

(Ich wunderte mich über die Art, mit der mein Assistent die Dame so plump-vertraulich anredete: Er siezte sie einfach anstatt die korrekte Anrede in der dritten Person zu wählen! Macht man das denn heute so? Überhaupt: Seine grob-ungeschliffene Ausdrucksweise irritiert mich zuweilen.)

„Diese Art kurzfristiger Sicherheit hat aber ihren Preis – genau so, wie Sie es vorhin mit Ihrer Selb… Ihrer freiberuflichen Tätigkeit beschrieben haben.“

Lady Anonymous und ich hörten weiter zu, und so fuhr mein Assistent fort:

„Zunächst einmal müssen Sie überhaupt eine (unbefristete) Stelle innehaben. Das ist heutzutage sowieso nicht mehr selbstverständlich; aus vielen Gründen, die häufig in den Medien diskutiert werden – wir wollen das hier nicht vertiefen. Nur eines dazu: Um für eine offene Stelle genommen zu werden, müssen Sie in aller Regel ein umfangreiches Bewerbungsverfahren durchlaufen. Und um dieses bestehen zu können, müssen Sie sich jahrelang – eigentlich ein ganzes Berufsleben lang – im hohen Grade spezialisieren und alles darauf ausrichten. Allzu hohe Spezialisierung ist ein Risiko.“

Lady Anonymous blieb stumm, blickte aber interessiert.

„Die Hürden, die heute für eine hundsordinäre Stelle [entschuldigender Blick zu Mr. Jefferson, denn er mag derartig rüde ‚Straßensprache‘ nicht] genommen zu werden, müssen Sie enorm hohe Hürden nehmen – Hürden, die sogar noch viel höher sind als die zweifellos manchmal überzogenen Erwartungen Ihrer Kunden, die Sie erwähnten.“

„Darf ich Fragen, Lady Anonymous, wie groß der Aufwand für Ihre letzte Bewerbung für eine Stelle war?“.

„Sehr hoch,“ sagte sie, „mehrere Tage für Vorbereitung und das eigentliche Verfahren. Aber eigentlich muss man ja anders zählen, die ganze Suche zieht sich Monate lang hin.“

„Und wie war es bei Ihrem letzten Kundenprojekt als Freiberuflerin?“

„Der Anfangsaufwand war sehr hoch – mehrere Monate, in denen gar nichts ging – wie bei einer Stelle auch. Danach allerdings, als ich mein Netzwerk einigermaßen aufgebaut hatte, kam ein Punkt, an dem der Knoten platzte, und ich bekam immer wieder Anfragen. Nicht hinter allen stand etwas geeignetes, natürlich, aber wenn doch einmal, dann wurde man eigentlich schnell handelseinig. Kein ewiges Bewerbungsverfahren, sondern CV hinschicken, ein Gespräch, vielleicht eine persönliche Empfehlung, und dann kann es auch schon losgehen. Die riskieren ja nicht, einen gleich für alle Ewigkeiten an der Backe – oh Verzeihung… am, öh, Postérieur zu haben, weil sie einen ja eben nicht einstellen. Das geht alles viel schneller und unkomplizierter.“

Mein Assistent blickte mich kurz fragend an, und ich nickte. Dann fuhr er fort:

„Dann: Wenn Sie dann endlich eine solche Stelle haben, sind sie eben auch von ihr abhängig. Sie haben keine Möglichkeit mehr, anderen bezahlten Beschäftigungen nachzugehen – weder zeitlich noch rechtlich, denn Vertrag und teilweise Gesetz schließen das ausdrücklich aus. Auch hier: Es gibt ein paar Ausnahmefälle, aber in aller Regel… Sie sind gezwungen, ausschließlich von Ihrer einen Stelle, der Sie sich voll und ganz widmen müssen, zu leben, sind also von ihr abhängig. Im offiziellen Amtsdeutsch heißt es ja sogar so treffend: ‚Vollzeit abhängig beschäftigt‘. Sie können keine anderen Einkommensströme erschließen, es gibt nur diesen einen. Auch dies stellt ein erhebliches Risiko dar.“

Lady Anonymous‘ Augen weiteten sich… – hem, vor Verständnis, versteht sich. Ach, zu schade, dass sie verheiratet ist… Ihr Hosenanzug schmeichelte der Form Ihrer Beine (Frauen tragen heutzutage oft auch Hosen, wie ich mir erklären ließ, eine Mode, an die ich mich erst noch habituieren [gewöhnen, d. Ass.] muss).

Ich warf kurz ein: „Das ist auch vollkommen im Widerspruch zur Theorie meiner Geldtopf-Strategie, die ich in meinem Buch zur finanziellen Unabhängigkeit ausführlich dargelegt habe. Ihr benötigt unbedingt mehrere Einkommensquellen, v.a. passive, und bei den aktiven ist es längerfristig auch besser, direkten Zugang zu den Clienten zu erhalten anstatt einen Arbeitgeber dazwischen zu ernähren. Mein Buch sollte jeder lesen, der die Risiken reduzieren möchte!“ An dieser Stelle atmete mein Assistent hörbar aus, und er presste verärgert die Lippen aufeinander, weshalb ich eilig ergänzte: „Ich sollte übrigens hinzufügen, dass mein Assistent ebenfalls einen Beitrag zum Buch geleistet hat…“ Sein Blick blieb hart. „Um genau zu sein: er hat es geschrieben – aber nach meinen Ideen und Vorgaben.“ Endlich entspannte sich sein Blick.

„Und schließlich: Ihr Arbeitgeber operiert ja schließlich nicht im luftleeren Raum. Was ich meine: Die Firma, für die Sie arbeiten, ist denselben Risiken und Markt-Bedingungen ausgesetzt wie Sie heute als Freiberuflerin! Es stimmt zwar, dass diese Bedingungen von der Firma als Ganzes – von Ihren Kollegen und den Lieferanten – zeitweise etwas abgemildert und aufgefangen werden können, und es stimmt ebenfalls, dass Sie den Ärger und die Risiken, mit denen sich Ihr Chef auseinander setzen muss, in der Routine Ihres Arbeitsalltags nicht immer mit bekommen. Aber das heißt nicht, dass das alles nicht existiert. Es ist da! Und auf Dauer sind Sie dem genauso ausgesetzt wie alle anderen, weil Sie Ihr Einkommen von eben dieser Firma erhalten, die sich nun einmal auch da draußen behaupten muss.“

„Und das bedeutet…“ und nun unterbrach ihn Lady Anonymous: „…dass meine Arbeitsstelle keinen Deut sicherer ist, äh, war, als die Aufträge meiner jetzigen Kunden!“

Einen kurzen Augenblick ließen wir das nachhallen.

„Schlimmer noch,“ fuhr sie fort, „wenn die Firma Probleme hat, dann wälzt sie diese sehr schnell auf ihre Angestellten ab, indem sie z.B. unbezahlte Überstunden verlangt. Ich kenne das noch gut von früher. Oder auf die Zulieferer, die ja wiederum ihre Angestellten haben… Himmel! Man ist all dem voll ausgesetzt, man vergisst das nur so schnell im Arbeitsalltag!“

„Und wenn Sie als Freiberuflerin solchen Problemen ausgesetzt sind, dann müssen Sie sich natürlich auch damit auseinander setzen, aber Sie bleiben dabei Ihr eigener Herr – pardon, Ihre eigene Dame –, machen also Kompromisse nur in dem Maße, wie sie es möchten, und Sie haben v.a. kurzfristig Alternativen, können sich viel schneller andere Kunden oder zwei/drei kleinere Einkommensquellen suchen. Allein Ihre Beweglichkeit reduziert bereits das Risiko.“

„Ja richtig,“ warf Lady Anonymous sofort ein, „ich habe schon viele Leute getroffen, die 20 und mehr Jahre in einem ’sicheren‘ Job waren und immer noch sind, aber das zum Preis Ihrer Vermittelbarkeit. Wenn solch einer seinen Job verliert – aus welchen Gründen auch immer – dann ist er/sie einfach nicht mehr vermittelbar, ganz egal, wie gut er im Job war. Dann ist es aus! [Pause] Diese Leute haben ihr halbes Leben in eine einzige Stelle / eine einzige Firma investiert, und wenn dann etwas passiert – und es passiert immer irgendetwas – dann sind sie dran. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt. Daran ist überhaupt nichts sicher! Als Selbstän… Freiberufler ist man zwar schnell draußen, aber auch schnell wieder woanders drin, das ist auf Dauer viel weniger riskant.“

„Lady, Eure schnelle Auffassungsgabe imponiert mir!“, erlaubte ich mir, einzuwerfen.

Und mein Assistent legte noch nach, er echauffierte sich ein wenig: „Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen: Gesetzliche Regelungen, aufgrund derer sich die Firmen im (legitimen) Bedarfsfall praktisch nicht ihrer Angestellten entledigen können, machen im Großen und Ganzen alles nur noch schlimmer – für alle. Denn so gut sie (die Angestellten) auch sein mögen, so gern man sie prinzipiell auch halten würde: Das ist nun einmal nicht immer möglich oder auch nur angeraten. Und dann belasten sie die Firma. Und stellen damit in diesem Sinne auch eine Gefahr für alle anderen Angestellten dar, und für den Eigentümer sowieso. Es ist, vereinfacht und überspitzt gesagt, also bestenfalls ein schlechter Handel: ‚Meine (kurzfristige) Sicherheit gegen die langfristig reduzierte Sicherheit der gesamten Firma mitsamt der Belegschaft’“.

Diese Worte waren ’starker Toback‘, wie man in meiner Zeit so sagt. Aber sie hatten ihren Zweck erfüllt. Wir alle schwiegen kurz. Mein Assistent blickte mich sodann nochmals kurz fragend an, und ich signalisierte ihm mit einem zufriedenen Lächeln und einer leichten Handbewegung, dass es nun gut sei und er sich wieder dezent in den Hintergrund zurückziehen könne. Ein tüchtiger Bursche, wirklich! Wenn auch etwas ungeschliffen…

Ich nahm das Ruder wieder in die Hand und schloss: „Wenn Ihr also sagt, my Lady, dass Ihr Euch exponiert und unsicher fühlet, so muss ich Euch zwar recht geben, denn wir alle sind genau genommen ständig exponiert und unsicher. Was ich nun aber hoffe, herausgearbeitet zu haben… äähm… mit guter Hilfe meines Assistenten…, ist, dass es natürlich Unterschiede im Grade dieser Exponiertheit und Unsicherheit gibt. Und dass der Weg, den Ihr gewählet habt, Verehrteste, mitnichten der riskantere ist, sondern au contraire der am wenigsten riskante – zumindest auf längere Sicht und – wenn ich mir erlauben darf, hinzuzufügen – auch der geeignetste für solch eine intelligente im besten Sinne reife Frau, wie Ihr es seid.“

Mein Assistent erlaubte sich noch eine letzte Einlassung: „Vergessen Sie bitte nie, die wahrgenommene Sicherheit von der echten zu unterscheiden – oder umgekehrt formuliert: Sehen Sie alle Risiken, vor allem die echten!“

Und ich sodann: „I prefer dangerous freedom to peaceful slavery“.

Lady Anonymous lächelte wieder und sagte: „Mein guter Mr. Jefferson, ich danke Ihnen… öh, Euch so sehr für diese Worte, Ihr habt in der Tat recht. Das wird mir in Zukunft Kraft und Zuversicht geben.“ Sie blickte kurz auf ihr „kluges Fernsprechgerät“ [Smartphone, d. Ass.] (ein seltsames modernes Gerät, dessen Zweck ich noch nicht ganz verstanden habe) und sagte: „Mein Gott, schon so spät? Nun muss ich aber gehen.“ Als wir uns erhoben und ich sie zur Tür geleitete, legte sie mir beinahe zärtlich ihre hübsche Hand auf den Oberarm und gab mir einen Luftkuss zum Wiedersehensgruß.

„Und kommenden Sonntag dürfen mein Mann und ich doch mit Euch rechnen, Mr. Jefferson?“

„Sehr gern, my Lady, bis Sonntag dann.“

Ach, Ihr Ehemann ist wirklich ein glücklicher Mann. Wie sich die Dinge wohl entwickelt hätten, wenn sie zuerst mir begegnet wäre… Dann rief mein Kopf mein schwärmerisches Herz wieder zur Ordnung, wie er es schon des öfteren getan hat.


Bildnachweis: Gemälde von Carl Herpfer (1836-1897), „The Love Missive“.

Ein Gedanke zu „„Exponiert und unsicher““

  1. Lady Anonymous
    Lady Anonymous gibt es wirklich. Ein ähnliches Gespräch fand auch kürzlich statt, allerdings wurde es natürlich hier etwas freier wiedergegeben, als es tatsächlich stattgefunden hat. Aber der Sinn wurde nicht entstellt.
    Die Arbeitswelt zu Jeffersons Zeiten
    Zu Jeffersons Zeiten gab es in den (noch-nicht‑)USA hauptsächlich Landwirtschaft. Das meiste Land war in der Hand einer Quasi-Aristokratie von Großgrundbesitzern, zu denen auch Jefferson selbst gehörte. Er propagierte aber die Idee einer (nicht nur politisch, sondern auch faktisch) unabhängigen Gesellschaft von vielen kleinen Bauern, sich sich auf ihren Höfen selbst würden versorgen können und somit in niemandes Abhängigkeit standen. Die Idee, seine Arbeitskraft als Angestellter dauerhaft an eine Firma zu verkaufen, war damals nicht vollkommen neu, aber doch noch nicht verbreitet. Der typische Berufs-Ausübende außerhalb der Landwirtschaft war entweder Handwerker im kleinen Familienbetrieb oder Kaufmann.
    Mr. Jefferson ist sich übrigens nach einem Gespräch mit mir Assistenten durchaus bewusst, dass es zur von ihm angenommenen „Unnatürlichkeit“ des Angestellten-Daseins seit der industriellen Revolution gewisse, berechtigte Ausnahmen gibt, v.a. in Bereichen, in denen die Arbeit nur an/mit kapitalintensiven Maschinen verrichtet werden kann (typischerweise in der Industrie), aber das gab es zu seiner Zeit praktisch noch nicht – er ist kein Dogmatiker.
    Der Mensch Jefferson
    Zu der Zeit, als Jefferson seine Unabhängigkeitserklärung verfasste (was übrigens, abweichend von der Story bei projekt-unabhaengigkeit.de, nur ein paar Tage dauerte), war er verheiratet. Er war in dieser Zeit in Philadelphia ein paar Monate getrennt von seiner Frau, während sie schwanger auf seinem Landsitz in Monticello blieb und ihm – ziemlich genau zur selben Zeit – ein Kind gebar. Seine Frau war allerdings gesundheitlich nie besonders robust gewesen, und die Krankheiten, mit denen Wöchnerinnen damals zu kämpfen hatten, setzten ihr stark zu. Wenige Jahre später, bei der Geburt ihres sechsten und letzten gemeinsamen Kindes, starb sie. Jefferson hatte eine – für seine Zeit und sein gesellschaftliches Umfeld vielleicht untypische – starke emotionale Bindung an seine Frau, so dass er nach ihrem Tod in eine tiefe Depression fiel. Er gelobte, nie wieder zu heiraten, was er auch nicht tat.
    Es gab allerdings eine Zeit, wenige Jahre später in Paris (wohin er als Botschafter der inzwischen unabhängigen Vereinigten Staaten entsandt worden war), in der er im Alter von 43 Jahren romantische Gefühle für eine 20 Jahre jüngere, verheiratete Dame aus England entwickelte. Es ist überliefert, dass sie einen Sommer lang eine platonische Liebe zueinander entwickelten. Er fühlte sich wohl für eine Weile wieder jünger und lebenslustiger. Sie mussten sich aber wieder trennen, weil seine Angebetete wieder mit ihrem Mann nach England zurück reiste. Im Nachgang schrieb er ihr einen Brief, in dem er den Kampf zwischen seinem Kopf und seinem Herz als Streitgespräch beider niederschrieb (sein Kopf sagte ihm natürlich, er solle sie lieber vergessen). Die beiden sahen sich nie wieder.
    Jefferson, so vermutet man, war ein Kopfmensch – allerdings ein sehr sensibler und Anerkennungs-bedürftiger. Sein Kopf setzte sich bei ihm langfristig durch, sehr zum Leid seines Herzens. Er war verklemmt im Umgang mit Frauen.
    Job-Sicherheit und Arbeitnehmer-Kündigungsschutz
    Bzgl. der Vorteile (im Sinne der Risiko-Reduzierung) der Selbständigkeit mit vielen kleinen Kunden und kleinen Transaktionen gegenüber einer als „sicher“ wahrgenommenen Stelle bei einer großen Firma verweise ich auf den Bestseller „Antifragilität“ von Nassim Taleb. Er erläutert in diesem Buch diesen Gedanken genauer und setzt ihn auch in einen sehr viel größeren Zusammenhang (wenn auch einen anderen als hier).
    Auch in meinem eigenen Buch zur finanziellen Unabhängigkeit beleuchte ich diesen Aspekt.
    Weil es im Buch nicht im Detail besprochen wird / z.T. nur implizit rüber kommt: Meine Anmerkung zu den Nachteilen gesetzlicher Regelungen zum Arbeitnehmerschutz im Gespräch mit Lady Anonymous dürfte kontrovers aufgenommen werden, und deshalb möchte ich das hier genauer erläutern. Auch, wenn es möglicherweise so wirkt: Ich möchte damit keine „Politik“ machen oder solche Gesetze in Bausch und Bogen schlecht reden und verurteilen. Es geht mir auch nicht darum, für die Interessen der Unternehmer zu lobbyieren (auch, wenn ich selbst mittlerweile einer bin, wenn auch ohne Angestellte). Es geht mir vielmehr darum, die Unterschiede deutlich zu machen zwischen „pseudo-sicher“ und „sicher“ einerseits und sowie (damit verwandt) zwischen „gut gemeint“ und „gut“ andererseits.
    In Anlehnung an ein Zitat des bekannten Nachrichten-Anchor-Man in den späten 80-ern/frühen 90-ern, Hanns-Joachim Friedrichs, möchte ich hierzu sagen: „Unabhängige [er damals: Journalisten] machen sich nicht mit einer [politischen] Sache gemein – auch nicht mit einer guten“. Und so will ich in diesem Zusammenhang auch nicht einfach „in eine Schublade gesteckt“ werden – weder in diejenige der Unternehmer-Verbände noch in diejenige der Gewerkschaften. Und ich denke, Mr. Jefferson hätte sich das ebenfalls verbeten.
    Weiter finde ich, dass man berücksichtigen muss, dass z.B. der Kündigungsschutz einen erheblichen Eingriff in die Vertragsfreiheit darstellt. Ich bin ich der Meinung – und auch hier denke ich, Mr. Jefferson würde mir zustimmen –, dass die Vertragsfreiheit ein hohes rechtliches Gut ist, das man nur mit sehr guten Gründen einschränken darf und sollte. Pauschal-Begründungen wie „vor 100 Jahren hat man sich diese Rechte erkämpfen müssen“ oder einfach nur, sinngemäß: „uns würde es aber so passen“ von einzelnen Interessengruppen reicht hier schlicht nicht aus, so verständlich ihre Anliegen – isoliert gesehen – auch sein mögen. Man hat in der jüngeren Vergangenheit viel zu häufig zu viel Rücksicht auf Partikular-Interessen genommen und dabei das Rechtsgut der Vertragsfreiheit unangemessen stark eingeschränkt.
    Es ist mir bewusst, dass dieses Thema politisch und emotional stark beladen ist, und dass deshalb sachliche Diskussionen darüber sehr schwer sind; und es ist mir ebenfalls klar, dass deshalb Vertreter gewisser Interessensgruppen mir da natürlich – aus ihren eigenen Interessen heraus (die teilw. durchaus legitim sind) – energisch widersprechen werden, mir wohl sogar das Wort im Mund herumdrehen werden. Aber im Sinne einer geistesoffenen und sachlichen Diskussion sollte man eben auch mal bereit sein, Argumente zu hören und gelten zu lassen, die einem vielleicht nicht so sehr in den Kram passen – besonders dann, wenn sie die conventional wisdom widerlegen.

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