Unterschied zwischen „materiell“ und „finanziell“

Unlängst hatte ich eine interessante Konversation mit Mrs Hingsbury im Salon von Mr Palmer. Wir unterhielten uns über das Framework zur Unabhängigkeit, insbesondere über den Teilbereich „materiell-finanziell“.

In diesem Zusammenhang entstand eine rege Diskussion darüber, was genau denn nun der Unterschied sei zwischen beidem — wäre es denn nicht letztlich synonym?

Unser beider Schluss (und wir konnten im Lauf des Nachmittags auch die anderen Gäste überzeugen): Nein, es ist nicht dasselbe, sondern nur unter bestimmten Bedingungen.

Ich werde dazu vermutlich noch ein Kapitel in einem meiner Bücher schreiben, doch für den Augenblick bitte ich Sie, folgende Kurzfassung als Argumentation zu akzeptieren:

Wenn Sie ausreichende finanzielle Mittel haben, so macht Sie das dann (und nur dann) materiell unabhängig, wenn Sie auch einen funktionierenden Markt samt funktionierender Infrastruktur um sich herum haben — in einer Umgebung also, die Sie problemlos mit den praktisch allen Gütern und Dienstleistungen beliefern kann, wenn Sie dafür bezahlen.

Nun ist das aber bekanntermaßen nicht immer der Fall. Hier in Philadelphia z.B. kann ich mir normale Dienstleistungen wie diejenige des Barbiers problemlos kaufen. Bei guter Ernte wird es für meine Küchenmagd auch kein Problem sein, ein paar Scheffel Weizen oder Mais auf dem Markt zu erwerben. Draußen in den äußeren Rändern der Kolonien mag das jedoch schon anders aussehen. Erst recht nach einer schlechten Ernte. Zwar könnte man dann noch notfalls auf Importe aus England zurückgreifen, aber diese Güter sind auch nicht immer in ausreichendem Maße vorhanden, wenn man sie braucht (von der Tatsache einmal abgesehen, dass wir uns von der Krone unabhängig machen wollen, und das heißt auch, dass wir nicht immer ihre Güter kaufen wollen). Gänzlich schwierig wird es, wenn wir spezielle Güter benötigen, die in den Kolonien nicht oder nicht in ausreichender Qualität hergestellt werden, weil die Krone uns verbietet, eine eigene Industrie aufzubauen — z.B. eine Druckerpresse. Mein guter Freund Benjamin Franklin druckt seine Zeitung auf einer englischen Presse.

Kürzlich notierte ich solche Gedanken auch für meinen Assistenten, damit er mir eine Grafik daraus mache. Diese hat er fertiggestellt (s.u.) und dabei einen interessanten Gedanken geäußert: Zwar lebe man in seiner Zeit (frühes 21. Jh.) in einer Welt, in der man scheinbar jederzeit alles in ausreichender Menge über den Globus verteilt einkaufen könne (etwas erwähnte er noch von sog. „Containern“), jedoch würde das teilweise eine Scheinsicherheit erzeugen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen in seiner Zeit diesen Zustand voraussetzten, sei in Wirklichkeit nicht gegeben.

Und so muss man eben, abweichend von der finanziellen Unabhängigkeit, die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen in normalen Friedenszeiten (halbwegs) gewährleistet, die materielle Unabhängigkeit definieren, die die Versorgung auch dann sicherstellt, wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind: Krisenzeiten, Kriegszeiten, vorübergehende Versorgungsengpässe aller Art.

Auch, wenn mein Freund Benjamin Franklin meine Arbeiten dazu als „nachrangig“ bezeichnet (er ist etwas ungeduldig wegen der Erklärung): Mir, wie gesagt, bereiten diesbzgl. z.B. die kommenden Winter Sorgen. Meinen Assistenten bereiten Handelshemmnisse, Krieg in europäischen Ländern sowie, allzuvorderst, die galoppierende Inflation Sorgen.

In diesem Sinne gestatten Sie mir, folgendes Bild vorzustellen:

Finanzielles Framework: Materiell vs. finanziell
Finanzielles Framework: Materiell vs. finanziell

Mein Buch, welches demnächst erscheinen wird, wird sich gemäß Titel ausschließlich dem Thema „Finanzielle Unabhängigkeit“ widmen.

Ein Gedanke zu „Unterschied zwischen „materiell“ und „finanziell““

  1. Mr. Jefferson erwähnte meine Sorgen über die galoppierende Inflation. Einige wundert das vielleicht, weil uns doch die EZB und das statistische Bundesamt regelmäßig melden, wie wenig Inflation wir derzeit hätten — eigentlich zu wenig.
    Ich glaube diese Statistiken schon lange nicht mehr. Erstens sind die Statistiken über die Verbraucherpreise vermutlich genau so dreist gefälscht wie diejenigen der Fed, und zweitens wird sowohl bei Fed als auch bei EZB nicht Auskunft gegeben über die Inflation (= Geldmengenwachstum), sondern eben nur über die Verbraucherpreise. Dass wir absurdes Geldmengenwachstum haben, kann ja nun niemand mehr leugnen. Und entgegen vielen Beruhigungspillen spiegelt sich das auch sehr wohl in den Preisen wider: Die Preise von Vermögensgegenständen (Immobilien, Aktien) werden dabei oft nicht erwähnt, so als ob sie vollkommen irrelevant wären.
    Wie stark sind die Vermögenspreise in den letzten Jahren gestiegen? Und wie stark nochmal allein in den letzten 8 Wochen? Eben. Was wir derzeit an Kurssteigerungen an der Börse sehen, hat mit organischem Wirtschaftswachstum und Steigerung der Ertragskraft überhaupt nichts mehr zu tun, sondern dort spiegelt sich der Gelddruck-Wahn der Zentralbanken wider. Pure Inflation!
    Nicht, dass ich mich auf ein Hyper-Inflations-Szenario freute, es unbedingt herbeisehnte; aber es fällt mir derzeit schwer, mir vorzustellen, dass es nicht in absehbarer kommt.

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